Irrsinnig Menschlich


Irrsinnig Menschlich e.V. ist Experte für unterschiedliche Formate zum Thema Early Awareness im Kontext seelischer Gesundheit. 

Der Verein entwickelt bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen Raum und Bewusstsein für eine frühzeitige Auseinandersetzung mit seelischer Gesundheit. Mit trendsetzenden Ideen und Programmen werden neue Wege des Dialogs und der Aufklärung aufgezeigt. Pionierarbeit leistet Irrsinnig Menschlich e.V. insbesondere mit seinem Programm „Verrückt? Na und! Seelisch fit in Schule und Ausbildung“.
Foto von Julia Dreier

Foto von Julia Dreier
Wer Interesse hat und vllt. sogar selbst Fürsprecher, Mitstreiter und Unterstützer werden möchte, kann sich hier weiter informieren:

In Kooperation mit Irrsinnig Menschlich e.V. habe ich im Dezember 2014 drei Poesiepostkarten herausgebracht, die unter folgendem Link einsehbar sind und auch dort bestellt werden können.

www.irrsinnig-menschlich.de/material/promotion/postkarten.html 


Zwei sehr persönliche Reflexionen eigener Krisen; zwei Krisenerfahrungsberichte zur Ermutigung und als kleiner Beitrag auf dem Weg zur Entstigmatisierung von "psychischen Krankheiten":

Krisenerfahrungsbericht 1
Krisenerfahrungsbericht 2


Assoziationen zu einem besseren Verständnis besonderer Bewusstseinszustände

Eine Manie
ist eine wahnhaft-krankhafte Erhöhung des Selbst. Ein energetisch extrem erhöhter Bewusstseinszustand mit gedanklicher und affektiver Zerstreuung (Beschleunigung der Bewusstseinsströme). Das Bewusstsein der betroffenen Person zerspringt in viele tausend Einzelteile: Zerstreuung mit wilden (nur für die Person selbst einen Eigen-Sinn ergebenden) Assoziationen im Rausch extremst beschleunigter Gedankenströme und tiefempfundener (Glücks-)Gefühle, die in wahnhaften, der Realität entrückten, Gefühlsexstasen gipfeln können. Die gigantische Fülle gegenwärtiger Wahrnehmungen, die überfallartig auf mehreren Bahnen gleichzeitig einströmen, werden in Verbindung zum eigenen Selbst und der eigenen (Lebens-)Geschichte gesetzt, was letzten Endes jedoch zum Scheitern verurteilt ist, da sich die ungebremste Wahrnehmungsgeschwindigkeit einer klaren Einordnung entzieht. Egomanische Selbst-Erhöhung bis hin zum Bruch und zur Auflösung der eigenen Grenzen, die zwischen Außen- und Innenwelt fließend ineinander verschwimmen. Das hilflose Selbst sucht schließlich Hilfe und Halt, Befestigung und Anknüpfungspunkte im Außen, da im Inneren nur noch Chaos herrscht. Orientierung, die innerlich nicht mehr möglich ist, wird zwanghaft und ziellos versucht in der entrückten Außenwelt wiederherzustellen. Doch: Wohin fliehen, wenn alle Realitätsstricke und Wirklichkeitsbezüge zerreißen und der Boden unter den Füßen - ohne Vorwarnung - zerbricht? Was hält einen noch in einer, sich immer weiter entfernenden Realität, in welcher Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit in einem einzigen Punkt als Konglomeratswahnsinn im eigenen Selbst miteinander verschmelzen? #up

Eine Depression ist eine verzerrt-krankhafte Erniedrigung des Selbst. Ein extrem eingeschränkter, begrenzt-niedriger Bewusstseinszustand (Verlangsamung der Bewusstseinsströme). Der Erkrankte verliert sich in sich und hat keinen Bezug mehr zu seinen inneren Kraftquellen. Er hat sich verloren und ist gewissermaßen in sich hinein "gefallen". Der eigene Aggressiontrieb wird nicht mehr nach Außen auf andere Personen übertragen, sondern er kehrt sich (im Gegensatz zur Manie) um und wird auf die eigene Person bezogen: Selbsthass, Selbstzerstörung, Selbstverletzung, Selbsterniedrigung sind die Folgen. Torpedierung einer gesunden, liebevollen Selbstbezogenheit. Aus einer immer stärker werdenden Beziehungsarmut entsteht schließlich ein tiefer Graben, eine Trennung und gestörte Verbindung zur Außenwelt; die Person fühlt sich wie hinter einem nebligen Schleier, abgeschnitten vom Farbreichtum einer heilen, bunten, glücklichen Welt. Zudem ist der Kontakt zu den Mitmenschen stark beeinträchtigt. Der Betroffene verliert die innige, liebevoll-zugewandte Beziehung zu seinen Mitmenschen, wie wenn ein scharfes Schwert die Lebensbezüge und Beziehungen zwischen dem Betroffenen und allem Lebendigen um und in ihm zerschnitten hätte. Der Mensch befindet sich in einem Zustand des schmerzlichst gefühlten Abgretrenntseins, gewissermaßen in der „Hölle auf Erden“. Aus Scham verkriecht sich die Person immer weiter und tiefer zurück ins eigene Schneckenhaus; verliert und verkrampft sich, versumpft und verschwindet in der trüben, tiefen Wirrnis des eigenen, eisigen Schweigens. #down

Foto von Julia Dreier; Mehr Fotografie von Julia gibt es hier!

Kann ein ständiges Stimmungs-Pendeln zwischen beiden Extremzuständen in eine kontinuierliche Stabilität überführt werden? Und wenn ja, wie? 

Ich denke, dass der wichtigste Punkt im Prozess der Gesundung und Stabilisierung die Selbstannahme ist sowie das Erleben und Erfahren von Vertrauen. Vertrauensvolle Beziehungen und ein ganz gewöhnliches Eingebundensein in einen normalen, bodenständigen Alltag. Ich glaube, dass es durchaus möglich ist, einen Mittelweg zwischen den beiden Extremen hindurch zu finden, ggf. auch mithilfe von Medikamenten, um nicht immer wieder aufs Neue hilflos und haltsuchend zwischen beiden Ausnahmezuständen hin und her schwanken zu müssen. Ein wesentlicher Bestandteil des Wiederheilwerdens ist - meiner Meinung nach - zudem das (immer wieder neu) Erfahren von stützenden, vertrauensvollen Beziehungen sowie ein gesundes Stressniveau im Bereich zwischen Unter- und Überforderung. Grundlegend-stabile, liebevoll-menschliche Beziehungen und ein gesundes Maß an Normalität irgendwo zwischen Up und Down: Selbstannahme-Erfahrungen, die im Alltag gefestigt sind und somit Sicherheit, Stabilität und Stimmungskontinuität ermöglichen. Letztlich hängt jede Störung aber auch mit der eigenen Person sowie mit dem System zusammen in welches ein Mensch eingebettet ist sowie von einer Vielzahl von biopsychosozialen Faktoren (Veranlagung, Wohnverhältnisse, unverarbeitete Traumata, Arbeitsverhältnisse, familitäre Situation, interne und externe Stressfaktoren, usw.). Demgemäß gibt es keine einfache Lösung die für jeden Betroffenen gültig ist, sondern jeder Einzelfall ist anders und muss demnach auch anders behandelt und angegangen werden. Wer einfache Antworten auf derart komplexe Fragestellungen gibt und ein "Alles-Heil-Wunder-Mittel" verspricht, liegt falsch. Wer allein "das unmenschliche psychiatrische System", "den Kapitalismus" oder "die Anderen" zur Zielscheibe macht, um sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen, liegt vermutlich genauso daneben wie derjenige, der die "Störung" einzig und allein dem Betroffenen anlastet und dessen Streben nach Besonderheit jenseits eines gesunden Maßes gewöhnlicher Normalität. #balance